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Claudia:
Rede, meine Tochter! - Mach meiner Furcht ein Ende. - Was kann dir da, an
heiliger Stätte, so Schlimmes begegnet sein?
Emilia:
Nie hätte meine Andacht inniger, brünstiger sein sollen als heute: nie ist sie
weniger gewesen, was sie sein sollte.
Claudia:
Wir sind Menschen, Emilia. Die Gabe zu beten ist nicht immer in unserer
Gewalt. Dem Himmel ist beten wollen auch beten.
Emilia:
Und sündigen wollen auch sündigen.
Claudia:
Das hat meine Emilia nicht wollen!
Emilia:
Nein, meine Mutter; so tief ließ mich die Gnade nicht sinken. - Aber daß
fremdes Laster uns, wider unsern Willen, zu Mitschuldigen machen kann! .
Claudia:
Fasse dich! - Sammle deine Gedanken, soviel dir möglich. - Sag es mir mit
eins, was dir geschehen.
Emilia:
Eben hatt' ich mich - weiter von dem Altare, als ich sonst pflege - denn ich
kam zu spät -, auf meine Knie gelassen. Eben fing ich an, mein Herz zu
erheben: als dicht hinter mir etwas seinen Platz nahm. So dicht hinter mir! -
Ich konnte weder vor noch zur Seite rücken - so gern ich auch wollte; aus
Furcht, daß eines andern Andacht mich in meiner stören möchte. - Andacht!
das war das Schlimmste, was ich besorgte. - Aber es währte nicht lange, so
hört' ich, ganz nah an meinem Ohre - nach einem tiefen Seufzer - nicht den
Namen einer Heiligen - den Namen - zürnen Sie nicht, meine Mutter - den
Namen Ihrer Tochter! - Meinen Namen! - O daß laute Donner mich
verhindert hätten, mehr zu hören! - Es sprach von Schönheit, von Liebe - Es
klagte, daß dieser Tag, welcher mein Glück mache - wenn er es anders
mache - sein Unglück auf immer entscheide. - Es beschwor mich - hören
mußt' ich dies alles. Aber ich blickte nicht um; ich wollte tun, als ob ich es
nicht hörte. - Was konnt' ich sonst? - Meinen guten Engel bitten, mich mit
Taubheit zu schlagen; und wann auch, wenn auch auf immer! - Das bat ich;
das war das einzige, was ich beten konnte. - Endlich ward es Zeit, mich
wieder zu erheben. Das heilige Amt ging zu Ende. Ich zitterte, mich
umzukehren. Ich zitterte, ihn zu erblicken, der sich den Frevel erlauben
dürfen. Und da ich mich umwandte, da ich ihn erblickte -
Claudia:
Wen, meine Tochter?
Emilia:
Raten Sie, meine Mutter, raten Sie - Ich glaubte in die Erde zu sinken - Ihn
selbst.
Claudia:
Wen, ihn selbst?
Emilia:
Den Prinzen.
Claudia:
Den Prinzen! - O gesegnet sei die Ungeduld deines Vaters, der eben hier
war und dich nicht erwarten wollte!
Emilia:
Mein Vater hier? - und wollte mich nicht erwarten?
Claudia:
Wenn du in deiner Verwirrung auch ihn das hättest hören lassen!
Emilia:
Nun, meine Mutter? - Was hätt' er an mir Strafbares finden können?
Claudia:
Nichts; ebensowenig als an mir. Und doch, doch - Ha, du kennest deinen
Vater nicht! In seinem Zorne hätt' er den unschuldigen Gegenstand des
Verbrechens mit dem Verbrecher verwechselt. In seiner Wut hätt' ich ihm
geschienen, das veranlaßt zu haben, was ich weder verhindern noch
vorhersehen können. - Aber weiter, meine Tochter, weiter! Als du den
Prinzen erkanntest - Ich will hoffen, daß du deiner mächtig genug warest,
ihm in einem Blicke alle die Verachtung zu bezeigen, die er verdienst.
Emilia:
Das war ich nicht, meine Mutter! Nach dem Blicke, mit dem ich ihn
erkannte, hatt' ich nicht das Herz, einen zweiten auf ihn zu richten. Ich floh -
Claudia:
Und der Prinz dir nach -
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