| |
gleichgültigsten Gespräche entfuhr ihr eine Wendung, eine Beziehung über
die andere, die ihr gefoltertes Herz verriet. Mit dem lustigsten Wesen sagte
sie die melancholischsten Dinge: und wiederum die lächerlichsten Possen
mit der allertraurigsten Miene. Sie hat zu den Büchern ihre Zuflucht
genommen; und ich fürchte, die werden ihr den Rest geben.
Der Prinz:
So wie sie ihrem armen Verstande auch den ersten Stoß gegeben. - Aber
was mich vornehmlich mit von ihr entfernt hat, das wollen Sie doch nicht
brauchen, Marinelli, mich wieder zu ihr zurückzubringen? - Wenn sie aus
Liebe närrisch wird, so wäre sie es, früher oder später, auc h ohne Liebe
geworden - Und nun, genug von ihr. - Von etwas andern! - Geht denn gar
nichts vor in der Stadt? -
Marinelli:
So gut wie gar nichts. - Denn daß die Verbindung des Grafen Appiani heute
vollzogen wird - ist nicht viel mehr als gar nichts.
Der Prinz:
Des Grafen Appiani? und mit wem denn? - Ich soll ja noch hören, daß er
versprochen ist.
Marinelli:
Die Sache ist sehr geheimgehalten worden. Auch war nicht viel Aufhebens
davon zu machen. - Sie werden lachen, Prinz. - Aber so geht es den
Empfindsamen! Die Liebe spielet ihnen immer die schlimmsten Streiche.
Ein Mädchen ohne Vermögen und ohne Rang hat ihn in ihre Schlinge zu
ziehen gewußt - mit ein wenig Larve, aber mit vielem Prunke von Tugend
und Gefühl und Witz - und was weiß ich?
Der Prinz:
Wer sich den Eindrücken, die Unschuld und Schönheit auf ihn machen,
ohne weitere Rücksicht, so ganz überlassen darf - ich dächte, der wäre eher
zu beneiden als zu belachen. - Und wie heißt denn die Glückliche? Denn bei
alledem ist Appiani - ich weiß wohl, daß Sie, Marinelli, ihn nicht leiden
können; ebensowenig als er Sie -, bei alledem ist er doch ein sehr würdiger
junger Mann, ein schöner Mann, ein reicher Mann, ein Mann voller Ehre .
Ich hätte sehr gewünscht, ihn mir verbinden zu können. Ich werde noch
darauf denken.
Marinelli:
Wenn es nicht zu spät ist. - Denn soviel ich höre, ist sein Plan gar nicht, bei
Hofe sein Glück zu machen. - Er will mit seiner Gebieterin nach seinen
Tälern von Piemont - Gemsen zu jagen, auf den Alpen, und Murmeltiere
abzurichten. - Was kann er Besseres tun? Hier ist es durch das Mißbündnis,
welches er trifft, mit ihm doch aus. Der Zirkel der ersten Häuser ist ihm von
nun an verschlossen - -
Der Prinz:
Mit euren ersten Häusern! - in welchen das Zeremoniell, der Zwang, die
Langeweile und nicht selten die Dürftigkeit herrschet. - Aber so nennen Sie
mir sie doch, der er dieses so große Opfer bringt.
Marinelli:
Es ist eine gewisse Emilia Galotti.
Der Prinz:
Wie, Marinelli? eine gewisse -
Marinelli:
Emilia Galotti.
Der Prinz:
Emilia Galotti? - Nimmermehr!
Marinelli:
Zuverlässig, gnädiger Herr.
Der Prinz:
Nein, sag ich; das ist nicht, das kann nicht sein. - Sie irren sich in dem
Namen. - Das Geschlecht der Galotti ist groß. - Eine Galotti kann es sein:
aber nicht Emilia Galotti, nicht Emilia!
Marinelli:
Emilia - Emilia Galotti!
Der Prinz:
So gibt es noch eine, die beide Namen führt. - Sie sagten ohnedem, eine
gewisse Emilia Galotti - eine gewisse. Von der rechten kann nur ein Narr so
sprechen -
Marinelli:
Sie sind außer sich, gnädiger Herr. - Kennen Sie denn diese Emilia?
7
|  |
|
| |
|
|